Pressespiegel

Dossier Holtzbrinck sucht Brieffreund

von Jennifer Lachman und Lutz Knappmann (Hamburg)

Die Verlagsgruppe Holtzbrinck sucht einen Partner für ihr Post-Geschäft. Nach Informationen der FTD verhandelt das Stuttgarter Medienunternehmen mit dem niederländischen Postdienstleister TNT über eine Beteiligung an den Brieftöchtern des Verlags.

Holtzbrinck hatte im vergangenen September zwölf frühere Tochtergesellschaften des insolventen Briefdienstes Pin mit insgesamt rund 2500 Mitarbeitern gekauft. Zu den übernommenen Firmen zählen unter anderem die größte ehemalige Pin-Gesellschaft, die Pin Mail AG in Berlin, acht Gesellschaften in Brandenburg sowie ein Anteil am Freiburger Anbieter Arriva.

Mit dem hierzulande größten privaten Post-Rivalen TNT versuchen die Stuttgarter nun offenbar, einen bundesweit aufgestellten Partner ins Boot zu holen. Nach FTD-Informationen steht eine Beteiligung von 50 Prozent an Pin Berlin sowie je einem Viertel der übrigen Brieftöchter zur Disposition. Bei Holtzbrinck war für eine Stellungnahme niemand zu erreichen.

Bei TNT hieß es lediglich, man führe ständig Gespräche mit verschiedenen Parteien, um Möglichkeiten auszuloten, die eigene Flächenabdeckung auszuweiten. TNT erreicht mit seinen Briefdienstleistungen derzeit knapp 90 Prozent der deutschen Haushalte, kommt nach eigenen Angaben aber nur auf einen Marktanteil von rund drei Prozent. Mit einem Einstieg von TNT bei den Holtzbrinck-Töchtern würden die Niederländer nun trotz eines Gewinneinbruchs im ersten Quartal wieder in den politisch heiklen deutschen Postmarkt investieren, den die teilstaatliche Deutsche Post dominiert.

Ende 2007 war die als Gemeinschaftsprojekt der Verlage Springer, Holtzbrinck, WAZ, Madsack und DuMont angelegte Pin Group zusammengebrochen. Als die Bundesregierung einen Mindestlohn von bis zu 9,80 Euro für Briefzusteller einführte, hatte Springer, nach dem Ausstieg der übrigen Gründer letzter Pin-Gesellschafter, den Geldhahn zugedreht. Der Ausgang der juristischen Auseinandersetzung um den Mindestlohn ist noch offen.

Dennoch kauften zahlreiche Verlage später einzelne Pin-Regionalgesellschaften günstig zurück - verfügen aber nun über kein nationales Verteilnetz mehr. TNT kooperiert bereits mit rund 130 regionalen Dienstleistern. Sie sichern TNT in einigen Regionen den Zugriff auf die "letzte Meile" zum Kunden - und wickeln über den Partner Teile ihres bundesweiten Geschäfts ab.

Nun könnte TNT bei Holtzbrinck auch eine gesellschaftsrechtliche Verflechtung mit den Briefdiensten eingehen. Allerdings wohl nicht um jeden Preis: Als Holtzbrinck 2007 seine Pin-Anteile an Springer abgab, kassierte der Verlag rund 167 Mio. Euro. Der spätere Rückkauf der Pin-Gesellschaften kam die Stuttgarter dem Vernehmen nach wesentlich günstiger. Der nun von TNT gebotene Preis soll noch einmal niedriger liegen. "Die bieten nur ein Butterbrot", verlautete aus dem Branchenumfeld.

Vor allem die Aussicht auf einen Wegfall des Mehrwertsteuerprivilegs der Deutschen Post dürfte das hiesige Briefgeschäft für private Rivalen wieder interessanter machen. Ab 2010 soll die Deutsche Post nach Plänen der Bundesregierung für ihre Dienste Mehrwertsteuer zahlen - was ihre Preise verteuern dürfte. "Der geschickte strategische Einkäufer schärft nun seine Waffen", sagte am Montag Axel Stirl, Geschäftsführer von Pin Mail Berlin.

Berichten zufolge dürfte die Steuerentscheidung aber wohl nicht mehr in der laufenden Legislaturperiode zustande kommen. Mario Frusch, Deutschlandchef von TNT Post, warnte am Montag vor einer Verzögerung: Die Umsatzsteuerregelung sei "eines der zentralen Wettbewerbshindernisse". Zusammen mit dem Mindestlohn und einer fehlenden Entgeltkontrolle der Post bilde sie einen "Giftcocktail" für private Postdienstleister.

Quelle: Financial Times Deutschland vom 19.05.2009



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HEIK AFHELDT trifft…

Pin-Chef Axel Stirl

Jeder kennt die grünen Jungs und Mädchen von Pin auf ihren Fahrrädern. Und auch die Geschichte von den Mindestlöhnen, mit denen die Post den lästigen Wettbewerber loswerden wollte. In Berlin ist das nicht gelungen. Im Gegenteil!

Mit dem einprägsamen Slogan "Schick es grün" malt der energiegeladene, promovierte Chef Axel Stirl für sein Unternehmen eine gute Zukunft. Schwarzer Anzug, schwarzes T-Shirt, kräftiger Körper, schmaler Kopf und randlose Brille, ein Unternehmer, der mit beiden Beinen auf dem Boden steht.

Dabei war der abenteuerlustige Junge nach der Grundschule in Luxemburg und Lohmar und dem Abitur in Overath vier Jahre beim Bund bei der Luftnachrichtentruppe. Der Rang zuletzt: Oberleutnant. Mit 21 Jahren führte er eine Staffel mit 600 Leuten. Den Diplom-Handelslehrer hat er an der Uni Köln gemacht. Dort wurde er Geschäftsführer der WiSo-Fakultät mit 14 000 Studenten. Die Doktorarbeit zum Thema, warum US-Investoren Nordrhein-Westfalen verlassen, schrieb er abends und an den Wochenenden. Disziplin brauchte es dazu - und die ist für ihn überhaupt ganz wichtig.

Er war drei Jahre Dozent und Trainer und stieg dann bei der Post in Bonn ein. Filialnetzkosten senken, das war seine erste Aufgabe. Dann kamen neue anspruchsvolle Aufgaben auch im Ausland. Mit dem Börsengang ging es dann als Marketing- und Vertriebschef und später als Geschäftsführer zum Post-Dienstleister IVU Traffic Technologies AG an die Bundesallee nach Berlin. Das war 2001.

2005 suchte der Gründer der Pin AG seinen Nachfolger. Die weitere Geschichte ist bekannt. Durch den Zumwinkel-Verdi-Deal gingen Tausende Arbeitsplätze verloren. Die Axel Springer AG stieg aus, Holtzbrinck übernahm die Mehrheit. In Berlin ist Pin fest verwurzelt. Mit "Frische, Freundlichkeit und Zuverlässigkeit" bieten sie dem Ex- Monopolisten die Stirn. "Der Markt ist kein natürliches Monopol und braucht Wettbewerb", davon ist der Betriebswirt überzeugt. 1000 Mitarbeiter bearbeiten im Großraum Berlin gut 500 000 Sendungen pro Tag. Ihr Lohn: durchschnittlich 9,80 Euro. Mehr als 40 Millionen Euro Umsatz machen die grünen Boten im Jahr. 99 Prozent aller Sendungen sind per Fahrrad unterwegs, 20 Prozent günstiger als die "Gelbe Konkurrenz". In zehn Jahren soll Pin in vielen Städten wieder präsent sein.

Der Pin-Kopf in seinem eher bescheidenen Büro im Spreebogen - "glücklich geschieden", wie er sagt - begeisterter Windsurfer und Waldläufer im grünen Grunewald, könnte seine hoch gesteckten Ziele erreichen. Mit Energie und Disziplin.

Heik Afheldt war Herausgeber des Tagesspiegels

Axel Stirl (43) ist Vorstandsvorsitzender des Briefdienstleisters Pin Mail AG. Der Diplom-Handelslehrer, Politikwissenschaftler und Oberstleutnant der Reserve stammt aus Mayen/Eifel.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 12.11.2008)









 

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